Praxis Wolf
Praxis WolfDamit Patienten Chancen und Risiken einer Behandlung richtig einschätzen können, sollten Ärztinnen und Ärzte Zahlen möglichst verständlich kommunizieren und Missverständnisse vermeiden. Das erleichtert die Aufklärung und verbessert die Therapieadhärenz. Mit welchen Methoden das gelingen kann.
Selten, gelegentlich, häufig – für viele Patienten sind das abstrakte Begriffe, unter denen sie sich wenig vorstellen können. Oft überschätzen Patienten die Risiken sogar, etwa wenn sie den Begriff „selten“ hören. Viele gehen hier von bis zu 20 Prozent Risiko aus, bei Medikamenten ist aber eine Wahrscheinlichkeit von deutlich unter einem Prozent gemeint. Das kann dazu führen, dass Patienten in eine Behandlung nicht einwilligen oder Medikamente aus Angst vor unerwünschten Nebenwirkungen nicht zuverlässig einnehmen. Um die Risiken und Chancen aber richtig einschätzen zu können, brauchen sie präzisere Angaben.
Risiken: Zahlen sind oft besser als Wörter
Gerade in Beipackzetteln werden für mögliche Nebenwirkungen meist verbale Begriffe wie selten, gelegentlich oder häufig verwendet, dort aber auch erklärt. In Aufklärungsbögen werden zwar auch solche Begriffe genannt, meinen aber bisweilen etwas anderes. Verbale Begriffe sind im Arzt-Patienten-Gespräch daher nicht immer die beste Wahl. Meist sind Zahlen besser geeignet.
Für Patientengespräche bietet sich das Sprechen über das absolute Risiko an. Das relative Risiko eignet sich eher weniger, es gibt das Erkrankungsrisiko von exponierten zu nicht-exponierten Personen an und beschreibt die Wahrscheinlichkeit, eher mit einem bestimmten Risikofaktor zu erkranken als ohne. Auch beim absoluten Risiko hängt aber viel davon ab, wie dieses kommuniziert wird. Denn es beeinflusst Patienten unterbewusst, ob der Behandler sagt, das Risiko, aufgrund eines Medikaments eine bestimmte Nebenwirkung zu erleiden, liege bei 10 Prozent, oder ob sie hören, 90 Prozent der Patienten vertragen das Medikament gut.
Manche Ärztinnen und Ärzte nutzen das Negative einer Aussage bewusst, um Patienten etwa zu einer besseren Vorsorge zu bewegen, und die positive Darstellung, um Patienten von einem nötigen Eingriff zu überzeugen. Idealerweise spricht der Arzt beide Komponenten an.
Wie Ärzte Risiken verständlich erklären
Bei Risiken von unter einem Prozent können Ärztinnen und Ärzte entweder mit Prozentangaben arbeiten oder die natürliche Häufigkeit nennen (zum Beispiel 0,01 % oder einer von 10.000). Das macht die Zahlen anschaulich. Hilfreich ist es zudem, wenn die Bezugsgrößen vergleichbar bleiben. Wer einmal von „einer Person von 1.000“ spricht, sollte bei weiteren Risikoangaben nicht zu „fünf Personen von 10.000“ wechseln, da dies die Patienten meist verwirrt.
Empfehlenswert ist es zudem, bei einer Angabe zu bleiben. Wer über Risiken mit dem Patienten zunächst in Prozent spricht, sollte möglichst nicht plötzlich oder ohne Grund zur natürlichen Häufigkeit wechseln. Das sorgt oft für Verwirrung. Generell empfiehlt es sich, beim Patienten nachzufragen, was er verstanden hat. Gerade dann, wenn viele Risiken besprochen werden. Schriftliche Darstellungen oder Grafiken können Patienten helfen, Zahlen besser einzuordnen. Letztlich hängt aber der Zuschnitt der Kommunikation stark vom jeweiligen Patienten ab. Wer zahlenaffin ist, mit dem können Ärztinnen und Ärzte anders sprechen als mit einem Patienten, für den Zahlen ein rotes Tuch sind. Auch hier hilft: nachfragen!
So können Sie Chancen und Risiken formulieren
Beispiel 1: „Das Risiko einer Blutung liegt bei 0,1 Prozent.“ Besser: „Bei etwa einem von 1.000 Patienten kommt es zu einer Blutung.“
Beispiel 2: „Von 100 Patienten profitieren 10. Bei 90 Patienten bringt die Behandlung keinen zusätzlichen Nutzen.“
Beispiel 3: „Die Nebenwirkung betrifft ungefähr jeden zehnten Patienten. Umgekehrt bedeutet das: Neun von zehn Patienten haben diese Nebenwirkung nicht.“